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bcs-Studie

CarSharing-Varianten entlasten Städte unterschiedlich

bcs-Studie

Verschiedene CarSharing-Varianten wirken sich auf Pkw-Besitz und Pkw-Nutzung sehr unterschiedlich aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Vergleichsstudie des Bundesverband CarSharing e.V. Vor allem das stationsbasierte CarSharing trägt demnach zur Abschaffung von privaten Pkw bei. Free-floating CarSharing hat hingegen kaum verkehrsentlastende Wirkung. Bemerkenswert ist, dass kombinierte Systeme, die free-floating und stationsbasiertes CarSharing aus einer Hand anbieten, ebenfalls deutlich positiv wirken.

Um die Entlastungsleistung der verschiedenen CarSharing-Varianten unter einheitlichen Rahmenbedingungen vergleichen zu können, hat der bcs in den drei Städten Frankfurt am Main, Köln und Stuttgart drei Untersuchungsgebiete definiert. Es handelt sich um innenstadtnahe, urban strukturierte Wohngebiete mit hohem Parkdruck. Alle CarSharing-Varianten und die Angebote des ÖPNV sind sehr gut verfügbar. Insgesamt sind optimale Bedingungen für einen Verzicht auf den privaten Pkw gegeben. Tatsächlich aber erzeugen die verschiedenen CarSharing-Varianten sehr unterschiedliche Autobesitz-Quoten.

Große Unterschiede im Autobesitz der CarSharing-Kunden

Die Nutzer stationsbasierter CarSharing-Angebote in den Untersuchungsgebieten wiesen eine sehr niedrige Motorisierungsquote von lediglich 108 pro 1.000 Personen auf. Dieser Wert liegt unter der Zielmarke von 150 Pkw pro 1.000 Personen, die das Umweltbundesamt für einen klima- und umweltgerechten Stadtverkehr der Zukunft anstrebt. Reine Free-floating-Nutzer zeigen hingegen eine überdurchschnittliche Motorisierung von 485 Pkw pro 1.000 Personen.

In die Vergleichsstudie wurde auch ein CarSharing-Anbieter einbezogen, der stationsbasierte und free-floating Fahrzeuge aus einer Hand anbietet. Wie sich zeigt, ist die verkehrsentlastende Wirkung hier ähnlich hoch, wie bei rein stationsbasierten Systemen: Die Zahl der Pkw pro 1.000 Personen liegt bei lediglich 104. Die Kombination beider CarSharing-Varianten scheint demnach die negativen Ergebnisse des reinen Free-floating aufzuheben.

Ebenfalls deutlich positiv fallen die Ergebnisse der Studie für jene Kunden aus, die bei stationsbasierten und free-floating Anbietern parallel angemeldet sind. Auf 1.000 Personen kommen hier 173 Fahrzeuge.

Pkw-Anzahl pro 1.000 Haushalte in verschiedenen CarSharing-Varianten, Bild: bcs 2018

Die großen Unterschiede im Autobesitz spiegeln sich auch in der Zahl autofreier Haushalte deutlich wieder: Während in stationsbasierten und kombinierten Systemen sowie bei den Parallelnutzern zwischen 68 und 80 Prozent der Haushalte autofrei leben, tun dies bei den Nutzern des Free-floating nur 32 Prozent.

Anteil autofreier Haushalte in verschiedene CarSharing-Varianten, Bild: bcs 2018

Betrachtet man die Veränderung des Autobesitzes im Zeitverlauf, so zeigt sich, dass stationsbasierte und kombinierte Systeme den Autobestand deutlicher reduzieren. Kunden des free-floating CarSharing schaffen seltener ein Auto ab.

Entwicklung des Bestands privater Pkw in verschiedenen CarSharing-Varianten, Bild: bcs 2018

Beurteilung des CarSharing als Auto-Ersatz

Der Aussage „CarSharing ist ein vollwertiger Ersatz für ein eigenes Auto“ stimmen nur 33 Prozent der Kunden des Free-floating zu, 43 Prozent lehnen die Aussage ab. Bei den stationsbasierten und kombinierten Angeboten sind demgegenüber 63 Prozent bzw. 65 Prozent der Kunden der Meinung, dass CarSharing ein privates Auto vollwertig ersetzt. Hohe Zustimmung erfährt die Aussage auch bei den Parallelnutzern von stationsbasiertem und free-floating CarSharing. Diese Unterschiede zeigen, dass Kunden des Free-floating mit ihrer Variante nicht alle Nutzungszwecke abdecken, für die sie ein Auto benötigen. Bei den Nutzern der anderen CarSharing-Varianten und denjenigen, die free-floating CarSharing mit stationsbasiertem CarSharing parallel nutzen, ist das hingegen offenbar in hohem Maß möglich.

Zustimmung zu der Aussage "CarSharing ist ein vollwertiger Ersatz für ein eigenes Auto" in verschiedenen Nutzergruppen, Bild: bcs 2018

Große Unterstützung für den weiteren Ausbau des CarSharing

Im Rahmen der neuen Studie wurden CarSharing-Nutzer und eine Vergleichsgruppe von Nicht-Nutzern zusätzlich daraufhin befragt, ob sie einen weiteren Ausbau des CarSharing unterstützen. Die CarSharing-Kunden stimmen dem erwartungsgemäß stark zu (96 Prozent).

Überraschender ist die Reaktion der Nicht-Nutzer: 75 Prozent geben an, eine positive oder sehr positive Einstellung dem CarSharing gegenüber zu haben. 50 Prozent der Nicht-Nutzer sprechen sich darüber hinaus für einen weiteren Ausbau des CarSharing aus. Das ist besonders bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass die große Mehrheit der befragten Nicht-Nutzer (76 Prozent) selbst ein eigenes Auto besitzt. Trotzdem stehen lediglich 18 Prozent einem Ausbau des CarSharing offen ablehnend gegenüber. Der Bundesverband CarSharing sieht in diesen Zahlen einen Hinweis darauf, dass die Einrichtung von CarSharing-Stationen im öffentlichen Raum auch in Stadtteilen mit hohem Parkdruck - zu denen alle Untersuchungsgebiete der Studie eindeutig gehören - mehrheitlich auf Zustimmung der Bewohner stoßen würde.

Handlungsempfehlungen für Politik und Kommunalverwaltungen

Förderung stationsbasierter und kombinierter CarSharing-Angebote: Kommunen sollten die hohe Entlastungsleistung stationsbasierter und kombinierter CarSharing-Angebote dadurch unterstützen, dass sie reservierte CarSharing-Stellplätze im öffentlichen Straßenraum für diese Angebote eingerichten. Dadurch werden diese Angebote für bisherige Nicht-Nutzer wahrnehmbarer. Die Genehmigungsgrundlage für reservierte stationsbasierte Stellplätze ist die Sondernutzung, wie sie prinzipiell bereits heute durch alle bestehenden Landesstraßengesetze und zukünftig erst recht durch ergänzte Landesstraßengesetze ermöglicht wird.

Push & Pull-Maßnahmen zur Verstärkung der Wirkung des CarSharing: Pull-Maßnahmen fördern die Angebotsqualität der Verkehrsmittelalternativen - zum Beispiel Ausbau von Radverkehrseinrichtungen, ÖPNV-Ausbau, Verbesserung der Informationen über vorhandene Alternativen. Push-Maßnahmen senken die Attraktivität der privaten Autonutzung: Erhöhung der Kosten für das Abstellen privater Pkw, Abbau schädlicher Subventionen für das private Auto oder für privat nutzbare Dienstwagen, konsequentes Ahnden von illegalem Parkverhalten, Verkehrsbeschränkungen für motorisierte Fahrzeuge mit übermäßigen Schadstoffemissionen.

Klare Gesamtstrategie für neue Mobilitätsangebote: Vielfalt von unterschiedlichen Mobilitätsangeboten ist für sich genommen kein sinnvolles Ziel städtischer Verkehrspolitik. Ohne klare Strategie und zielorientierte Steuerung kann eine undifferenzierte Förderung in die falsche Richtung führen, beispielsweise durch zusätzlichen Flächenverbrauch ohne Auswirkung auf den privaten Autobesitz. Kommunale Verkehrsplanung sollte daran mitwirken, ein Gesamtsystem flächensparender und verkehrsentlastender Mobilitätsdienstleistungen mit einem guten ÖPNV und Radverkehr als Hauptstütze des Verkehrssystems zu entwickeln. In ein solches Verkehrssystem sollten diejenigen Dienstleistungen aktiv integriert werden, die deutliche Entlastungswirkungen ausüben.

 

Download

PDF: CarSharing fact sheet Nr. 7 "Entlastungwirkung verschiedener CarSharing-Varianten"

PDF: Vollständiger Projektbericht "Nutzer und Mobilitätsverhalten in verschiedenen CarSharing-Varianten"

 

Kurzinfo über die bcs-Studie: Im Rahmen der Vergleichsstudie des Bundesverband CarSharing e.V. wurden insgesamt 1.122 CarSharing-Kunden und 185 Nicht-Kunden befragt. Die Studie bezieht sich auf drei definierte Untersuchungsgebiete in den Städten Frankfurt am Main, Köln und Stuttgart. Bei diesen Gebieten handelt es sich um innenstadtnahe Wohnquartiere mit einer für die jeweilige Stadt besonders guten CarSharing-Verfügbarkeit und einem besonders dichten Angebot von Verkehrsmitteln des Öffentlichen Personennahverkehrs. Die Quartiere zeichnen sich durch einen hohen Parkdruck und eine hohe Konkurrenz in der Nutzung des Straßenraums aus. Die Studie wurde im Mai und Juni 2018 als Online-Befragung durchgeführt. Die bcs-Studie ist Teil des europäischen Forschungsprojekts STARS, das von der Europäischen Union im Rahmen des Programms Horizon 2020 gefördert wird.

Kurzinfo über die CarSharing-Varianten: Beim stationsbasierten CarSharing stehen die Autos möglichst wohnortnah auf einem festen Stellplatz. Kunden holen den Wagen dort ab, nach der Fahrt bringen sie ihn dorthin zurück. Nur bei dieser Variante sind Reservierungen mehrere Wochen im Voraus möglich. Dies sorgt für eine hohe Berechenbarkeit der Fahrzeugverfügbarkeit. Stationsbasiertes CarSharing ist außerdem die preisgünstigste CarSharing-Variante. Beim free-floating CarSharing, stehen die Autos irgendwo in der Stadt auf beliebigen Parkplätzen am Straßenrand. Nutzer orten und buchen sie über das Smartphone. Nach der Fahrt stellen sie den Wagen irgendwo innerhalb des Nutzungsgebiets wieder ab. Bei dieser Variante sind Reservierungen im Voraus nicht möglich. Sowohl die Verfügbarkeit als auch der Standort des Fahrzeugs sind daher schwer vorhersehbar. Free-floating ermöglicht jedoch One-way-Fahrten innerhalb des definierten Nutzungsgebiets. Die Preise liegen über denen des stationsbasierten CarSharing. In letzter Zeit haben sich auch kombinierte CarSharing-Angebote etabliert, die stationsbasierte und free-floatende Fahrzeuge aus einer Hand anbieten. Kombinierte Angebote gibt es beispielsweise in Hannover, Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg, Frankfurt am Main und Leipzig. Die Preise orientieren sich meist an den niedrigen Preisen der stationsbasierten Fahrzeuge. Beim Peer-to-peer CarSharing werden nicht Flottenfahrzeuge eines CarSharing-Anbieters geteilt, sondern Fahrzeuge privater Halter. Meist organisiert eine Internet-Plattform die Vermittlung der privaten Pkw an Autosuchende.